Was ist Erinnerungskultur?

Aufgrund der inflationären Verwendung des Begriffs „Erinnerungskultur“, der allgemein den Umgang eines Individuums oder einer sozialen Gruppe mit der Vergangenheit bezeichnet, möchten wir unserem Projekt eine kurze Definition voranstellen. 

Wir verstehen unter Erinnerungskultur in erster Linie das kollektive Gedächtnis, das neben dem Gedächtnis eines Einzelnen als sozial und kulturell bestimmtes, generationenübergreifendes Gruppengedächtnis existiert. Dieses konstituiert sich durch soziale Interaktion und Kommunikation, kurz gesagt den Austausch von Erinnerungen. Träger dieses kollektiven Gedächtnisses können soziale Gruppen oder ganze Nationen sein. Wir haben uns daher an Zeitzeuginnen und -zeugen gewandt, die uns über ihre eigenen Erinnerungen und die Erzählungen ihrer Eltern und älterer Verwandter einen Zugang zu diesem kollektiven Gedächtnis ermöglichen.

Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive ist bei Oral History jedoch problematisch, dass Erinnerungen und das kollektive Gedächtnis insgesamt kein faktenbasiertes Realgeschehen speichern. Aufgabe des kollektiven Gedächtnisses ist nicht, tatsächliche geschichtliche Ereignisse zu memorieren, sondern die wichtigste Funktion besteht in der Identitätsstiftung und Stärkung des inneren Zusammenhalts seiner Träger.

Folglich ist das kollektive Gedächtnis stark selektiv, rekonstruktiv und ausgerichtet auf die gegenwärtigen Bedürfnisse der Gruppe. Dadurch besteht die Gefahr, dass statt kritischer Auseinandersetzung mit geschichtlichen Ereignissen ein Identifikationsangebot geliefert wird, für das die Vergangenheit nach eigenen Bedürfnissen neu konstruiert wird. 

Die besondere Herausforderung bestand für uns daher darin, die durch die Interviews mit Zeitzeuginnen und -zeugen gesammelten Informationen mit anderen Quellen und den Ergebnissen wissenschaftlicher Untersuchungen abzugleichen und kritisch zu hinterfragen. Geholfen haben uns dabei Frau Prof. Dr. Christiane Berth vom Wilhelm und Alexander von Humboldt Lehrstuhl für Geistes- und Sozialwissenschaften an der Universidad de Costa Rica und der Berliner Historiker Dr. Carlos Albrecht Meissner, mit denen wir außerdem Interviews aufgezeichnet haben.

Erinnerungskultur manifestiert sich außerdem seit Jahrtausenden in sichtbarer Form. Dazu zählen Grabmäler (z. B. ägyptische Pyramiden), Denkmäler (z. B. Statuen von Juan Santamaria), Archive sowie Sammlungen von Museen und Ausstellungen. Im medialen Zeitalter werden diese durch digitale Formate erweitert, die gerade Jugendliche besser ansprechen. Wir verstehen unsere Homepage als einen solchen Beitrag zur Erinnerungskultur, als digitalen Erinnerungsort für einen weitgehend vergessenen und verdrängten Teil der Schulgeschichte, und der Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und Costa Rica, der ermöglicht, unsere Ereignisse an andere weiterzugeben und dauerhaft sowie leicht verfügbar zu machen.

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Telegramm an das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches in Berlin vom 24.4.1912 (Quelle: Schularchiv)

Unsere Schule als Spiegel der Gesellschaft

Wie wichtig Erinnerungskultur ist, haben wir am Beispiel unserer Schule festgestellt. Kaum ein Mitglied der Schulfamilie kennt die Geschichte der Deutschen Schule oder hat sich mit den Auswirkungen des NS-Regimes auf Costa Rica befasst. Nur in wenigen Fällen ist die Familiengeschichte heutiger Schülerinnen und Schüler mit der Geschichte der Alemanes in Costa Rica oder der Schulgeschichte in den 1930er bis 1950er Jahren verwoben. 

Zwar haben ungefähr 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler des Colegio Humboldt einen deutschen Hintergrund, aber lediglich ein kleiner Teil entstammt Familien, in denen ein oder mehrere Mitglieder deutscher Abstammung bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in Costa Rica lebten. Folglich sind nur einzelne Schülerinnen und Schüler Nachfahren jener Alemanes, die im Mittelpunkt unseres Geschichtsprojekts stehen, und damit potenzielle Trägerinnen und Träger jenes kollektiven Gedächtnisses, das von der Generation ihrer (Ur-)Großeltern geprägt wurde, die die Krise der 1930er und 1940er Jahren und die Nachkriegszeit in Costa Rica miterlebt hat. Gerade für diejenigen Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer, die einen solchen Hintergrund haben, war spannend, den Spuren in der eigenen Familie nachzugehen und bei Interviews in den Dialog mit den eigenen Großeltern zu treten. 

Der schwierige Umgang mit einem Tabuthema

Eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit besteht in Costa Rica darin, dass die Verbindungen der Alemanes zum Nationalsozialismus, die schmerzhafte Zeit der Krise in den 1940er Jahren und vor allem die ungeklärte Situation der Enteignungen noch immer Tabuthemen sind. Wer wagt, den Finger in solch eine Wunde zu legen, muss mit Widerstand  rechnen – und dies akzeptieren lernen. Auch diese Erfahrung haben die Mitglieder des Geschichtsprojekts gemacht. 

Auf der anderen Seite haben wir viel Unterstützung aus der deutsch-costaricanischen Gemeinschaft erfahren sowie von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Schule – allen voran Renée Priess –, Luis Diego Bonilla Córdoba vom costa-ricanischen Nationalarchiv und dem Deutsch-Costa-ricanischen Kulturverein als Schulträger in Person seines Vorsitzenden Dr. Andreas Rauff. 

Trotzdem war der Zugang zu dieser schwierigen Phase nicht leicht. In den Erzählungen der Zeitzeuginnen und -zeugen tauchen zwar Namen allgemein bekannter Protagonisten der NSDAP-AO auf oder sie berichten über das Schicksal und die Krise der eigenen Familie, über Beziehungen großer Teile der deutsch-costa-ricanischen Minderheit zum NS-Regime aber wird weitgehend geschwiegen. 

Die größer werdende zeitliche Distanz zu den Ereignissen und verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Interviewerinnen bzw. Interviewern und einigen unserer Zeitzeuginnen und -zeugen bewirkten allerdings eine völlig andere Atmosphäre als bei den in der Vergangenheit durchgeführten Interviews mit Historikerinnen und Historikern. Dies eröffnete den Projektteilnehmerinnen und -teilnehmern die Chance, einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der (Schul-)Geschichte, zur kritischen Auseinandersetzung mit dem kollektiven Gedächtnis früherer Generationen und zum Erinnern für die Gegenwart zu leisten.

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Die Projektgruppe

vorne sitzend (von links): Dr. Nadja Braun, Ralf Bechtold, Eva Hofmann, Sebastián Arce, Fabian Fernández

hinten (von links): Elena Leiva Peters, Katja Dufner, Lucia Bansbach, Matthias Schiel, Philip Niehaus, Juan José Arrea, Thomas von Saalfeld, Robert Schmidt, Santiago Molano

Es fehlen Léon Şenol Adrian, Alejandro Coronas, Renate Klein, María Fernanda López, Malaika Muschler, Gabriel Schröder und José Miguel Vetencourt. 

Literatur: 

Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999. 

Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992.

Berth, Christiane: La inmigration alemana en Costa Rica. Migración, crisis y cambios entre 1920 y 1950 en entrevistas con descendientes alemanes, in: Revista de Historia de América 137 (Jan-Dez 2006), 2006, S. 9-31. 

Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt/M. 1991.

Jeismann, Karl-Ernst: ,,Geschichtsbewußtsein” als zentrale Kategorie der Didaktik des Geschichtsunterrichts, in: ders., Geschichte und Bildung. Beiträge zur Geschichtsdidaktik und zur Historischen Bildforschung, hg. u. eingeleitet v. W. Jacobmeyer u. B. Schönemann, Paderborn 2000, S. 46-72.  

Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 32017.