Schulinspektion

Nach Kriegsbeginn dauert es nicht lange, bis politische Äußerungen des Direktors die Aufmerksamkeit von Kreisen der costa-ricanischen Regierung auf sich ziehen. Bekanntermaßen ist Hannes Ihrig NSDAP-Mitglieder und überzeugter Nationalsozialist.

Im Mai 1940 berichtet die lokale Presse darüber, dass Schülerinnen und Schüler der Deutschen Schule bei einer Parade für den „deutschen Minister” (al ministro alemán) und einer Schulveranstaltung mit der Naziflagge auftreten, was im Land eine Welle der Empörung auslöst (Abb. 1).

Es kommt zu Anschuldigungen gegen die Deutsche Schule und ihr Lehrpersonal, in denen Vorwürfe laut werden, im Unterricht werde nationalsozialistische Propaganda verbreitet. Ein Artikel in der Zeitung „La Tribuna” vom 15. Juni 1940 (Abb. 2) berichtet über die deshalb vom Erziehungsminister Luis Demetrio Tinoco angeordnete Untersuchung der Institution und deren Angestellten. 

Die costa-ricanische Regierung unter dem neuen Präsidenten Rafael Ángel Calderón Guardia, der seit Mai 1940 im Amt ist, sieht es als ihre Pflicht an, die Durchsetzung demokratischer Werte im Land zu gewährleisten, unabhängig davon, ob es sich um eine staatliche oder private Institution handelt. Deshalb wendet sich am 14. Juni 1940 Schulinspektor Carlos Mora Barrantes an Schulleiter Ihrig und fordert ihn auf, sich zu bestimmten Anschuldigungen zu äußern (siehe Abb. 3).

Im Zuge der Untersuchung muss Schulleiter Hannes Ihrig unter anderem folgende Fragen beantworten:

  • Stimmt es, dass an dieser Schule die militärischen Triumphe des Deutschen Reichs und die Niederlagen der Alliierten gefeiert werden? 

  • Stimmt es, dass der Sieg gegen Flandern mit Gesängen, Reden und Süßigkeiten für die Kinder gefeiert wurde? 

  • Werden die Lehrer durch das Reich ernannt und bezahlt? 

  • Verfolgt der Schulunterricht dieselben Ziele, die in Deutschland etabliert wurden? Haben Ihre Programme einen anderen Plan? 
     

Da sich das staatliche Schreiben zusammen mit der Antwort von Hannes Ihrig im Schularchiv befinden, ist die Reaktion des Schulleiters an das Ministerium bekannt (Abb. 4). Der Schulleiter weist alle Vorwürfe zurück und bestreitet die Existenz nationalsozialistischer Propaganda an seiner Schule. 

Außerdem weist der Schulleiter darauf hin, dass nur 75 der 162 Schülerinnen und Schüler die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen (Abb. 5). 

Schulabschlussfoto der 6 Klasse aus dem

Abb. 5: Schulabschlussfoto der 6. Klasse aus dem Jahr 1940/41 (Quelle: Schularchiv)

Allerdings geht aus Berichten von Zeitzeuginnen und -zeugen hervor, dass an der Deutschen Schule sehr wohl nationalsozialistische Propaganda verbreitet wird und sich der Lehrplan an der NS-Ideologie und den Vorgaben aus Berlin orientiert. Über das Deutsche Konsulat wird die Schule seit Jahren mit Propagandamaterial aus Deutschland versorgt, insbesondere Bücher, Filme und Filmprojektoren. Auch Geburtstage des Führers werden gefeiert.

Trotzdem übergibt Schulinspektor Carlos Mora Barrantes dem Ministerium für Öffentliche Schulen nach nur knapp zwei Wochen seinen Bericht, der Information über die Funktionsweise der Schule, den normalen Ablauf des Unterrichts und die Unterrichtsinhalte vor und am Anfang des Krieges beinhaltet (Abb. 6). 

Auf Grundlage dieses Berichts werden die Untersuchungen an der Deutschen Schule eingestellt, was in der lokalen Presse kommuniziert wird (Abb. 7).

Schulschließung und Enteignungen

Um das diplomatische Verhältnis zu den USA während des Zweiten Weltkriegs zu stärken, überwacht und kontrolliert die Regierung unter Präsident Rafael Ángel Calderón Guardia politische, geschäftliche und soziale Aktivitäten der Alemanes. Nach Kriegseintritt geht sie stärker gegen die öffentliche Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda vor und konzentriert sich dabei auf die wichtigsten Institutionen der Alemanes: den Deutschen Club und die Deutsche Schule. Anfang des Jahres 1941 geht der Schulbetrieb dennoch wie gewohnt weiter (Abb. 8).

Mit dem Kriegseintritt der USA und der Kriegserklärung Costa Ricas an Japan und Nazi-Deutschland im Dezember 1941 verschärfen die Behörden in Costa Rica dann ihr Vorgehen gegen die Alemanes, speziell gegen Mitglieder der NSDAP-AO. 

Sämtliche deutschsprachigen Institutionen sowie verschiedene Unternehmen und Läden (z. B. die Buchhandlung Lehmann) werden geschlossen und zum Teil beschlagnahmt. Das betrifft neben dem Deutschen Club auch die Deutsche Schule als eine der wichtigsten Einrichtungen der Alemanes.

Das Schulgebäude wird beschlagnahmt und Unterricht findet offiziell nicht mehr statt. Viele Lehrer werden interniert und teilweise in Lager in den USA deportiert – darunter neben zwei weiteren Lehrern auch der Schulleiter Hannes Ihrig, dessen Beziehungen zum Nationalsozialismus durch seine NSDAP-Mitgliedschaft allgemein bekannt sind (Abb. 9). 

Literatur: 

75 Jahre Humboldt-Schule. De la Escuela Alemana al Colegio Humboldt, hg. von M. Avram de Ortiz et al. Im Auftrag der Institution Cultural Germano-Costarricense, San José 1987. 

Díaz-Arias, David Gustavo: Social crises and struggling memories: populism, popular mobilization, violence, and memories of civil war in Costa Rica, 1940-1948, Diss. Indiana 2009 (S. 104ff.).

Nemcik, Christine C.: Germans, Costa Ricans, or a question of dual nationalist sentiments? The german community in Costa Rica. 1850-1950, unveröffentlichte Diss. Indiana 2001.

Schulchronik zum 100. Geburtstag, hg. vom Deutsch-Costaricanischen Kulturverein, San José 2012.

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