Machtübernahme der NSDAP und „Gleichschaltung”

Die politischen Entwicklungen in Deutschland und das Wirken der Nationalsozialisten in Costa Rica durch die NSDAP-AO und Anhänger des NS-Regimes haben auch Auswirkungen auf die 1912 gegründete Deutsche Schule San José (Abb. 1). 

Nach der so genannten „Machtergreifung” Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 werden im Zuge der „Gleichschaltung” Organisationen und Vereine in Deutschland aufgelöst. Das betrifft auch die Lehrerverbände, die zum Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) zusammengeschlossen werden. Auf diese Weise werden auch die Lehrkräfte an Deutschen Auslandsschulen ins nationalsozialistische Schulsystem eingegliedert. 

In San José wehren sich einige katholische Eltern und Lehrer gegen den Einfluss der Nationalsozialisten. Frederico Sauter, Mitbegründer der Schule und seit 1927 Vorstandsmitglied, dessen ältester Sohn Walter Sauter ebenfalls Anhänger der Nationalsozialisten und Hitlerjugend-Führer ist, protestiert gegen die Versuche der NSDAP, die Schule zu beeinflussen. Zwar erklärt Frederico Sauter öffentlich seinen Patriotismus für das Dritte Reich, aber Versuche der NSDAP, die deutsche katholische Kirche und die Deutsche Schule zu nutzen, um seine Kinder mit nationalsozialistischer Propaganda zu infiltrieren, gehen gegen seine Überzeugungen. 

Letztlich treten aber er und der Rest des Schulvorstands Ende 1934 zurück und der Nationalsozialist Herman Canel, Chef des Deutschen Konsulats, übernimmt 1935 Sauters Platz. Frederico Sauter beginnt daraufhin einen aggressiven Briefwechsel mit Canel und dem 1934 an die Deutsche Schule gekommenen nationalsozialistischen Lehrer Hannes Ihrig (Abb. 2), der die Hitlerjugend in San José gegründet hat. 

Verstärkter Einfluss des Nationalsozialismus 

Die Partei durchdringt erfolgreich das gesellschaftliche Leben der deutsch-costa-ricanischen Elite und Berlin schickt in den Jahren nach der Machtübernahme vom Nationalsozialismus überzeugte Lehrer, um an der Deutschen Schule zu unterrichten. Diese sehen ihre Aufgabe als Lehrkräfte in erster Linie darin, Schülerinnen und Schüler zu überzeugten Nationalsozialisten zu erziehen. Pädagogische und didaktische Ziele spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. 

Der Vorgänger von Hannes Ihrig im Amt des Schulleiters, Fritz Büttner, tritt der NSDAP 1934 bei und ist Sprecher der NSLB für die Ortsgruppe San José, bevor er 1936 nach Deutschland zurückgeht. Die nächste Lehrergeneration an der Deutschen Schule in San José ist dem Nationalsozialismus ganz besonders verbunden. Zu dieser Gruppe gehören Hannes Ihrig, Georg Kirchbaum und Willig Reising. Ihre Anwesenheit ist entscheidend, um den Nationalsozialismus effektiv aufzubauen, denn die Deutsche Schule ist ein Zentrum im Leben der Gemeinschaft der deutsch-costa-ricanischen Elite. Sie ist wichtig, um für die Kinder die Weichen zu stellen in die deutsche Kultur und die Traditionen sowie um die Identität als Alemanes erfolgreich zu bewahren.

Schulleiter Hannes Ihrig äußert sich 1937 besorgt über das Verhältnis von Deutschstämmigen und Nichtdeutschstämmigen und stellt fest:

 

„Die Nachfrage aus Kreisen nichtdeutscher Eltern war auch in diesem Jahr wieder sehr stark. So erfreulich das ist, umso stärker erwächst für uns die Gefahr einer Überfremdung. Aus diesem Grunde konnte ich ungefähr 12 Kinder nichtdeutscher Nationalität nicht aufnehmen.”

Über die Schule hinaus äußert er in seinem 1937 veröffentlichten Aufsatz

 

„Als Lehrer an der Deutschen Schule in Costa Rica” nationalsozialistische Gedanken über Parteiorganisationen wie die NSDAP-AO in Costa Rica. „Die nationalsozialistische Revolution machte in ihrem großen Grundgedanken der Zusammenfassung aller Deutschen innerhalb und außerhalb des Reiches zu einer großen Schicksalsgemeinschaft auch vor Costa Rica nicht halt. In rascher Folge entstanden Ortsgruppe, Arbeitsfront und Hitlerjugend […]. Viele die aus irgendwelchen Gründen dem deutschen Verein fern standen, fanden jetzt den Weg zu einer neuen Gemeinschaft. Zunächst bestanden für den oberflächlichen Betrachter diese Neueinrichtungen nur in einer Aufspaltung und Verhetzung […] es war auch hier wie wohl überall nicht leicht, den rechten Weg zu finden, fast niemand kannte ja den Nationalsozialismus aus eigenem Erleben, und dazu fehlte noch jeglicher Überblick, wieweit Deutschland schon in den Klauen des Kommunismus und des Judentums stak und welch große Rettung die Tat des Führers für unser Vaterland bedeutete. […] dass es sich die Deutschen in Costa Rica nicht leicht machten und mit fliegenden Fahnen beischwenkten.“

Zur Bedeutung der Pflege der deutschen Sprache in Costa Rica schreibt er:

 

„Mancher deutsche Name ist jedoch von Generation zu Generation aufgegangen im hiesigen Volkstum, und nur noch wenige Familien haben treu ihre deutsche Art und ihr Brauchtum erhalten, und das nur deshalb, weil sie mit eisernem Willen an ihrer Muttersprache festhielten. Sie waren sich bewusst, dass die Vernachlässigung derselben bald den Verlust unserer Sitte und damit die Aufgabe unserer selbst nach sich zieht.“ Gerade für das „auslandsdeutsche Kind“ sei „eine möglichst frühzeitige Erfassung und Zusammenführung mit seinen Kameraden“ wichtig.

Erziehungsziele und Propaganda 

Auf eine Anfrage hinsichtlich der Erziehungsziele an der Schule seitens des Deutschen Archivs für Jugendwohlfahrt in Berlin, die im Schularchiv aufbewahrt wird, antwortet der Schulleiter Fritz Büttner, dessen Schreiben sich ebenfalls im Schularchiv befindet, am 29. April 1933 wie folgt: „Kindergarten und Deutsche Schule verfolgen hier gleiche oder doch ähnliche Erziehungs- und Bildungsziele, die noch einmal kurz genannt seien: 

„Die Erziehungsaufgabe besteht darin, die Kinder zu deutschen Charakteren heranzubilden, die sich ihres Deutschtums bewusst, hier im Auslande als Deutsch fühlen und ohne Ueberhebung ihr Deutschtum jederzeit freudig bekennen. Die Bildungsaufgabe hat als Ziel, den Kindern eine gründliche Elementarbildung nach Mustern der Heimatschulen zu geben.“ (Abb. 3 u. 4).

Auf Fritz Büttner folgt Hannes Ihrig als Schulleiter an der Deutschen Schule. In seinem Aufsatz „Als Lehrer an der Deutschen Schule in Costa Rica“ berichtet dieser über die Verhältnisse vor Ort in Costa Rica und umreißt den Schwerpunkt seiner Arbeit als Deutscher und Leiter der Deutschen Schule:

 

„Von der Heimat und von den großen Ereignissen, die sich dort gerade zugetragen hatten, musst ich erzählen. Nicht bei allen, das merkte ich wohl, fand meine Einstellung den rechten Anklang. Das Gewaltige der Idee des Führers war ihnen noch zu neu und zu unfassbar. […] Das drohende Ungeheuer, das über unserem Vaterlande schwebte, konnten sie wohl nicht erkannt haben. Diese Unterredungen […] zeigten mir mit aller Deutlichkeit, worin meine außerschulische Arbeit bestehen sollte.“

In einem weiteren Teil geht er näher auf Aufgaben und Ziele der Deutschen Schule in San José ein.

 

„Gemäß den zwei Hauptaufgaben jeder deutschen Auslandsschule, nämlich der Erziehung der deutschen Kinder zu charakterfesten, pflichtbewussten ganzen Kerlen, d. h. jungen Nationalsozialisten, und zweitens, der Vermittlung der deutschen Sprache und des nationalsozialistischen Bildungsgutes an die Kinder unserer Gastländer, sie dadurch zu treuen Helfern im Kampfe gegen alle jüdischen Verhetzungen machend, zeigt auch unsere Anstalt diese Zusammensetzung.“ (Abb. 5).

Der NSDAP-AO Ortsgruppenleiter Karl Bayer teilt Hannes Ihrigs Ansichten. In der Festschrift der Deutschen Schule von 1937 schreibt er,

 

„sie habe der Unterhaltung des deutschen Volkes zu dienen […] mitzuhelfen, daß die ihr anvertrauten jungen Menschen gute Deutsche, also Nationalsozialisten werden.”

Über das Deutsche Konsulat gelangen in den Jahren 1937 bis 1939 mehrfach Pakete mit Propagandamaterial an die Deutsche Schule. Es gilt als wahrscheinlich, dass Nazifilme wie „Der ewige Jude”, „Jud Süß”, „Triumph des Willens” und „Der Feldzug in Polen” (Abb. 6) an der Schule gezeigt werden. 

Zudem werden Bücher und Aufzeichnungen von Reden geschickt. Das Propagandamaterial ist auch für Kinder verständlich aufbereitet. Denn die Nationalsozialisten haben erkannt, dass die einfachsten Argumente den größten Effekt haben. Wie am 13.2.1932 ein Korrespondent der New York Times in Costa Rica berichtet, werden Schülerinnen und Schüler auch indoktriniert, um das nationalsozialistische Gedankengut an ihre Eltern weiterzugeben und so weiter in die Gruppe der Alemanes zu tragen (Abb. 7).

Kriegbeginn

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 scheint zunächst keine direkten Auswirkungen auf die Deutsche Schule in San José zu haben. Der damalige Schulleiter Hannes Ihrig weist in der Schulchronik dieses Jahres lediglich darauf hin, dass Neubaupläne verschoben werden müssen, man solle sich aber voll auf die Verbesserung der akademischen Leistungen konzentrieren:

 

„Der Krieg brachte, außer der unter den Kindern herrschenden Spannung, keinerlei Veränderung, nur einen einzigen Austritt hatten wir zu verzeichnen. […] Der Mahnruf unserer Arbeit heißt: Zeigen wir uns unseren Kameraden an der Front würdig.“

Literatur: 

75 Jahre Humboldt-Schule. De la Escuela Alemana al Colegio Humboldt, hg. von M. Avram de Ortiz et al. Im Auftrag der Institution Cultural Germano-Costarricense, San José 1987. 

Berth, Christiane: La inmigration alemana en Costa Rica. Migración, crisis y cambios entre 1920 y 1950 en entrevistas con descendientes alemanes, in: Revista de Historia de América 137 (Jan-Dez 2006), 2006, S. 9-31. 

Ihrig, Hannes: Als Lehrer an der Deutschen Schule in Costa Rica, in: Verband Deutscher Vereine im Ausland e. V. (Hrsg.), Wir Deutsche in der Welt, 1937, S. 77-88.

Meissner, Carlos Albrecht: A Resilient Elite: German Costa Ricans and the Second World War, unveröffentlichte Diss. New York 2010.

Nemcik, Christine C.: Germans, Costa Ricans, or a question of dual nationalist sentiments? The german community in Costa Rica. 1850-1950, unveröffentlichte Diss. Indiana 2001.

Schulchronik zum 100. Geburtstag, hg. vom Deutsch-Costaricanischen Kulturverein, San José 2012.

 

Quellen: 

Archivo National Costa Rica MRE Cronologico 9.796, Cajas 429 u. 452

Archivo National Costa Rica MRE Caja 521, 600-50

New York Times vom 13.2.1939, S. 4.